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Sigurd Hoel: Ein Oktobertag in Oslo. München: Diana-Verl., 2001. 301 S.
ISBN 3-453-17723-1

An einem schönen Oktobertag der Jahres 1930 ertönt aus einer Mietwohnung in einer ruhigen Gegend ein markerschütternder Schrei. Nachbarn und Passanten laufen zusammen und vermuten einen Skandal. Der Schrei kommt aus der Wohnung der jungen Tordis Ravn, die als Mannequin in einem Kaufhaus arbeitet und sich vor einiger Zeit von ihrem Mann getrennt hat. Schnell spricht sich herum, daß ihr Mann sie kurze Zeit vorher besucht hat und sie daraufhin einen Nervenzusammenbruch erlitten hat. Die anderen Mieter des Hauses werden aufgeschreckt, jeder fragt sich, ob er dies nicht hätte verhindern können. Denn den meisten gutbürgerlichen Mietern des Hauses, vor allen den Frauen, war es gar nicht recht gewesen, daß eine junge, schöne und ihrer Meinung nach auch leichtsinnige junge Frau, die des öfteren Herrenbesuch empfing, in ihrer Mitte lebte. Es war durchaus nicht unbemerkt geblieben, daß der eine oder andere Ehemann auch ein Auge auf Tordis geworfen hatte. Und so muß sich die eine oder andere Ehefrau nun fragen, ob sie nicht auch zu Tordis Zusammenbruch beigetragen haben. Hat nicht vielleicht der anonyme Beschwerdebrief an den Hauswirt, mit dem dieser dazu gebracht werden sollte, Tordis zu kündigen, das Faß zum Überlaufen gebracht?

Der Roman ist in drei große zeitliche Abschnitte unterteilt: der Nachmittag, der Abend und der Morgen. Innerhalb dieser Abschnitte kommen verschiedene Personen zu Wort, die die ganze Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Neben verschiedenen Mietern des Hauses kommt auch der Ehemann von Tordis zu Wort. Nur Tordis selbst kommt nie zu Wort, über sie wird nur als Objekt berichtet. Der Roman besticht durch seinen ironischen Stil und durch seine Erzählweise, die sich aus den vielen verschiedenen Perspektiven der beteiligten Figuren zusammensetzt, wobei man ihm natürlich anmerkt, daß er in den dreißiger Jahren geschrieben ist. Nun noch einige Worte zum Autor, der in Deutschland wohl kaum bekannt sein dürfte: Sigurd Hoel wurde am 14. Dezember 1890 in Nord-Odal in Norwegen geboren. Er studierte Naturwissenschaften in Oslo. 1912-1918 arbeitete er als Lehrer, später als Sekretär der Akademie der Wissenschaften. Er war auch Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitschriften und arbeitete als Übersetzer, unter anderem von Faulkner, Caldwell, Hemingway und Kafka. In den Zwischenkriegsjahren war er einer der wichtigsten Namen in Norwegens Kulturleben. Als Dramatiker und Erzähler konzentrierte er sich auf scharfe Satiren, die gegen das norwegische Bürgertum gerichtet waren. Seine erotischen Werke standen unter dem Einfluß von Sigmund Freud. Sigurd Hoel starb am 14. Oktober 1960 in Oslo. Annemarie Kluge