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Thomas Harris: Roter Drache. München: Heyne, 1999, ISBN: 3-453-02542-3. 448 S.

Gibt es ein Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Bösen? Jedenfalls könnte man den Glauben daran behalten, indem man das Wechselspiel zwischen Mörder und Polizisten beobachtet. Begeht jemand einen Mord an einem oder mehreren Mitgliedern einer zivilisierten Gesellschaft, dann wird nach der Feststellung der Tat jemand mit dessen Aufklärung beauftragt. Den Ermittlern des F.B.I. steht dabei ein großer Apparat an Mensch und Material zur Verfügung und um so gefährlicher der Fall eingestuft wird, um so mehr Mittel darf der damit beauftragte Agent nutzen. Doch dies alleine reicht nicht aus, um Anhaltspunkte zu finden, die letztendlich eine Spur zu Tage fördern, die die Identität und den Aufenthaltsort des Killers preisgibt. Es braucht meistens jemanden, der sich aus der Tiefe seines Inneren mit dem Täter beschäftigt und der in der Lage ist, sich in die Haut des unbekannten Mörders und seiner Opfer zu zwängen, um so neue und wichtige Erkenntnisse hervorzuholen.
Will Graham ist ein solcher Mann, ein Profiler, der schon so manchen Fall hat aufklären können. Doch seine letzen Fälle haben Graham so schwer mitgenommen, daß er keinen anderen Ausweg sah und einen Neuanfang machte. Nun lebt er ein einfaches Leben, das er mit einer Frau und deren Sohn aus erster Ehe teilt. Als aber Agent Crawford, ein alter Bekannter aus der Zeit, als Graham noch Mördern wie Dr. Hannibal Lector und Garrett Jacob Hobbs hinterherjagte, auftaucht und ihm von zwei Familien erzählte, die im Abstand von einem Monat ausgelöscht worden sind und deren Mörder keinerlei Spuren hinterlassen hat, sieht Graham keine Chance, sich aus diesem Fall herauszuhalten, obwohl er damit auch sein neues Leben gefährden könnte. Graham besucht die Tatorte und versucht sich mit den beiden Familien vertraut zu machen, um ein Muster zu finden, daß dabei helfen könnte, den Täter zu finden. Um aber ein Gefühl für den Killer zu bekommen, geht er noch einen Schritt weiter und so besucht er eine der menschlichen Bestien, die er hinter Gitter gebracht hat und bei deren Festname er nur knapp mit dem eigenen Leben davon gekommen ist. Als herauskommt, daß er dabei fotografiert wurde, als er die Heilanstalt aufsuchte, in der Hannibal Lector unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen festgehalten wird und Fotos davon in einer Zeitung auftauchen, weiß nun auch der Killer, wer genau nun auf ihn Jagd macht. In der Folgezeit wechselt die Handlung immer öfters zu den Handlungen des Killers, der als stark gestörtes und mit sich kämpfendes Individuum gezeigt wird, dessen gesamter Lebensweg voller persönlicher Qual und Leiden war, aus dem er sich nur durch eine für seine Mitmenschen nicht mehr nachvollziehbare und verborgene Art nun aber selbst befreit. Doch nachdem sich der Killer seine nächsten Opfer schon ausgesucht hat und sich auch die passenden Aktionen ausdenkt, um seine Verfolger von seiner Macht zu überzeugen, passiert etwas, womit auch er nicht gerechnet hat.

"Roter Drache" lebt von der Balance, die der Autor zwischen dem Innenleben des Jägers und dem der Bestie im Verlauf der Handlung aufzubauen weiß. So manifestieren sich zahlreiche Bilder des Schreckens und der Qual, die den Leser näher an die Personen heran führt. Beachtlich ist hierbei, wie wenig Action oder Morde nötig sind, um Spannung aufzubauen. In den meisten Thrillern, bei denen es um die Jagd nach einem (oder mehreren) Killer(n) geht, braucht es ja meist zahlreiche Wendungen und neue Wahnsinnstaten, um die Spannung aufrecht zu erhalten, dies hat Thomas Harris nicht nötig, da er seinen Charakteren die für eine ruhige Erzählweise nötige Glaubhaftigkeit und Tiefe schenkt. Wen jetzt noch interessiert, welche der beiden Verfilmungen des Romans diesem am nächsten kommt, dem muß ich sagen, daß die aktuelle Version zwar näher an die Abläufe der Handlung herankommt, daß aber bei der älteren Fassung die Person des Will Graham viel besser getroffen wurde, als es nun der Fall ist.