|
Stephen King: Der Buick. Ullstein. ISBN 5-550-08353-X Der junge Ned Wilcox, dessen Vater vor einem Jahr im Polizeidienst umgekommen ist, jobbt im Sommer 2002 bei der Polizeieinheit seines Vaters. Dass der junge Mann diverse Arbeiten in der Polizeistation übernimmt, ist dabei vor allem ein Versuch, seinem Vater dadurch näher zu kommen, dass er ein Teil seiner zweiten Familie wird - der "State Troopers"; der amerikanischen Highway-Polizei. Als Ned einen schwarzen Buick 8 entdeckt, der offenbar schon seit Ewigkeiten in einem Schuppen der Polizeistation untergebracht ist, entscheidet der Seargent der Truppe, Sandy, dass es Zeit ist, Ned etwas Neues über seinen Vater zu erzählen. Aus der Sicht wechselnder Erzähler erfährt Ned die Geschichte eines eigenartigen Autos, das aussieht wie ein Buick 8 und doch keiner ist. Ein Auto, dass irgendwann an einer Tanksäule einfach stehen gelassen wurde - und das so etwas wie ein Eigenleben zu entwickeln scheint. Nicht, dass der Buick viel tun würde. Das hier ist kein Horrorauto, das nachts losfährt, um Leute aufzuessen. Aber manchmal sinkt die Temperatur in der Hütte, und dann passieren eigenartige Dinge. Gegenstände, Tiere und sogar Menschen verschwinden plötzlich, und an ihrer Stelle tauchen andere Sachen auf. Merkwürdige Wesen, die auf eine solche Art und Weise anders sind, dass sie sich kaum beschreiben lassen. Auf eine solche Art, dass die Menschen, die mit ihnen konfrontiert sind, geradezu körperlich spüren, dass diese Dinge auf undefinierbare Weise falsch sind. Der Buick entwickelt eine Sogwirkung, und zwar sowohl im wörtlichem als auch im übertragenen Sinne: Neds Vater, der sich mehr als die anderen Eingeweihten mit dem Buick beschäftigte, als er noch lebte, lässt dieses Nicht-Auto nicht mehr los; er versucht, ihn zu erkunden, versucht, etwas zu verstehen, dass unmöglich zu verstehen ist... Stephen King ist in gewisser Weise bei dem Thema, das er immer wieder in seinen Büchern variiert, geblieben: der Einbruch des Andersartigen, des Bedrohlichen, in die normale, für uns reale Welt. Dass dieses Thema bei Stephen King immer wieder funktioniert und so viele Leser findet, liegt vor allem daran, dass die reale Welt, die er beschreibt, eben so völlig nachvollziehbar und wirklich wirkt. Auch die Welt der State Troopers im "Buick" etabliert sich schnell als überzeugende Darstellung des Alltags einer solchen Polizeistation: keine wilden Verfolgungsjagden, keine ausufernden Schießereien, sondern vor allem alltägliche Routine - und solche Unfälle und kleinen Gemeinheiten, wie sie eben im wirklichen Leben passieren. Die Beschreibung des Lebens und des Alltags dieser Polizisten wirkt dabei an keiner Stelle langweilig oder ereignislos. Wie immer, wenn Stephen King in Hochform ist, entfaltet auch der Roman seine eigene Sogwirkung auf den Leser. Dabei ist auch eine klare Fortentwicklung in der Behandlung seines Themas zu sehen: das Andere, das in unsere Welt eindringt, ist nicht nur einfach eine Bedrohung, die bekämpft werden muss, wie in Kings frühen Büchern wie Es oder Christine. Zugleich ist es aber auch kein Rätsel, das ergründet werden kann. Dieses Andere kann einfach nur in seiner Eigenart bestaunt werden - wenn auch immer in dem Bewusstsein, dass es etwas Gefährliches, Tödliches darstellen kann. So wird der Buick vor allem auch zu einem Sinnbild der Geheimnisse im Leben, die man eben nicht enträtseln kann; die einen jeden Tag wieder vor dasselbe Gefühl der Frustration stellen, das sich einstellt, wenn man versucht, etwas zu begreifen, das sich gegen jegliches Verständnis sperrt - in Neds Fall die Tatsache, dass sein Vater bei einem völlig sinnlosen, zufälligen Unfall ums Leben gekommen ist; dass er tot ist, und es für Ned unmöglich ist, diesen Tod mit einem Gefühl von "Sinn" zu versehen. Christian Ulmke |
|||