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Barbara Vine: Heuschrecken. Roman. Zürich: Diogenes, 2001. 643 S. ISBN 3-257-06275-3 Clodagh Brown ist Mitte dreißig und eine der wenigen weiblichen Elektrikerinnen Londons, die noch dazu eine eigene Firma hat. Als ein Auftrag sie eines Tages in ein Haus in einer der reicheren Viertel Londons führt, erkennt sie in der Hauseigentümerin eine ehemalige Freundin wieder, die sich ihrerseits aber nicht gerne an ihre Bekanntschaft zurückerinnern möchte, die 13 Jahre zurückliegt. So wird Clodagh veranlaßt, ihre alten Tagebücher hervorzuholen, und einen Blick in ihre eigene, nicht gerade problemlose Vergangenheit zu werfen. Es hat seine Gründe, dass sie gerade Elektrikerin geworden ist. Als sie 17 war, hatte sie zusammen mit ihrem Freund Daniel einen Hochspannungsmast bestiegen und Daniel hatte bei dem Versuch, sich da oben eine Zigarette anzuzünden, einen Stromschlag erlitten und war schließlich vom Mast hinuntergestürzt. Clodagh hatte ihn erst noch auf halber Höhe festhalten können, sie hatte es aber nicht geschafft, ihn festzuhalten, bis der Krankenwagen eingetroffen war. Daniels und ihre eigenen Eltern und die ganze Gemeinde hatten ihr die Schuld an Daniels Tod gegeben, zumal Daniel etwa eineinhalb Jahre jünger gewesen war als sie. So hatte Clodagh am Tag auf dem Hochspannungsmast nicht nur einen geliebten Menschen verloren, sondern auch sämtlichen Respekt ihrer nächsten Mitmenschen. So waren eigentlich alle Beteiligten erleichtert, als sie zwei Jahre später die Schule abgeschlossen hatte und zum Studium als London ging. Durch das Angebot eines Cousins ihrer Mutter hatte sie die Möglichkeit bekommen, ein eigene Einliegerwohnung zu beziehen. Was sie vorher allerdings nicht wusste, war, dass diese Wohnung im Souterrain liegt. Clodaghs Verlangen, Höhen zu erklimmen, hatte nämlich auch einen Grund darin, dass sie es nicht ertragen kann, unter der Erde zu sein. Diese besondere Art von Klaustrophobie wird ihr nach ihrer ersten und einzigen Fahrt in der Londoner U-Bahn deutlich bewusst. Nach einiger Zeit lernt sie den Sohn ihrer Nachbarn, Silver kennen, der sie aus einer Unterführung rettet, durch die sie auf dem Weg zu ihrer Fachhochschule gehen muss. Silver kann im Haus seiner Eltern so ziemlich treiben, was er will, da diese sich hauptsächlich in ihrem Haus auf dem Land aufhalten. So lässt er in seiner Wohnung unter dem Dach einige gestrandete Gestalten wohnen. Da sind Johnny, ein Einbrecher und Parkplatzwärter, Wim, dessen Leidenschaft es ist, die Dächer Londons zu besteigen und der sonst äußerst geheimnisvoll bleibt und Johnnys Freundin Liv, (die Clodagh jetzt nach 13 Jahren wiedergesehen hat) ein schwedisches Au-Pair-Mädchen, die in Panik die ihr anvertrauten Kinder verlassen hat, als sie einen Verkehrsunfall hatte. Sie alle verbindet es, dass sie aus unterschiedlichen Gründen die Pfade des bürgerlichen Lebens verlassen haben und nun gemeinsam die Dächer Londons besteigen. Natürlich fühlt sich Clodagh in diesem Kreis sofort heimisch und ist fasziniert von der Möglichkeit, auf die Dächer zu gehen. Als Silver und sie sich einander verliebt haben, scheint alles sich für sie zu Guten zu wenden, bis Wim eines Tages bei einer seiner Touren eine Familie entdeckt, die sich vor der Polizei versteckt hält, da die englischen Eltern ihren halb asiatischen Pflegesohn wieder hergeben sollten. Die Freunde beschließen, diesen Menschen zu helfen und damit nimmt das Unheil seinen Lauf... Barbara Vine schafft es in Heuschrecken wieder einmal, den Leser durch die intensive Schilderung außergewöhnlicher und lebendiger Charaktere und eine Geschichte, die immer mehr ihrem Höhepunkt zustrebt, zu faszinieren und unweigerlich in den Bann zu ziehen. Ein äußerst spannender Thriller, der einen nicht so schnell wieder loslässt, wenn man sich einmal auf diese Geschichte eingelassen hat. Annemarie Kluge |
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