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Gothika
Die Bezeichnung "Gotik" für einen bestimmter Stil und Zeitraum in der
Architektur und Kultur hat ihren Ursprung in der Mitte des 12. Jahrhunderts
und ging bis zum frühen 16. Jahrhundert. Strebebogen, Spitzbögen, vertikale
Pfeiler und gewölbte Decken sind Markenzeichen der Baukunst dieser Zeit.
Als literarische Erzählform entstand die Gotik am Ende des 18. Jahrhunderts
und sie steht für düstere und traurige Orte und Geschichten. Die Erzählungen
von Edgar Allan Poe und Mary Shelley sind hierfür gute Beispiele. Der
Titel "Gothika" erweckt also beim interessierten Zuschauer schon eine
gewisse Erwartungshaltung. Man erwartet etwas Unheimliches und Schauderhaftes.
Tatsächlich wird diese Erwartung von Regisseur Mathieu Kassovitz sogar
befriedigt. Es gibt ein paar nette Schockmomente und am Anfang sogar eine
wirklich mysteriöse Handlung. Denn anders als mysteriös kann man das,
was da der Psychologin Dr. Miranda Grey widerfährt, nicht bezeichnen.
Gerade ist sie dabei, nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu fahren,
als plötzlich ein stark verstörtes Mädchen mitten auf der Straße steht.
Gerade noch rechtzeitig schafft es die Doktorin mit ihrem Wagen diesem
auszuweichen. Als sie das Mädchen erreicht, passiert etwas sehr seltsames.
Irgendwie steht das Mädchen plötzlich in Flammen. Die Flammen springen
auf Miranda über und dann wird plötzlich alles schwarz. Als Miranda wieder
zu sich kommt, findet sie sich in einer der Isolierzellen wieder, in denen
eigentlich ihre Patientinnen festgehalten werden. Ihre Kollegen versuchen
sie zu beruhigen, doch dies ist nicht so einfach. Anscheinend hat Miranda
vor drei Tagen ihren Mann bestialisch ermordet. Miranda ist sich ganz
sicher, daß sie es nicht war. Doch da die Spuren am Tatort eindeutig sind,
glauben selbst ihre ehemaligen Kollegen ihr dies nicht. Und da der Sheriff
ein guter Freund ihres Mannes war, ist dieser nur an einer schnellen Klärung
des Falles und an der Verurteilung der Angeklagten interessiert. Es sieht
also nicht gut für Miranda aus. Plötzlich aber passieren seltsame Dinge.
Miranda sieht immer öfters dieses Mädchen und immer, wenn sie auf geisterhafte
Weise auftaucht, passieren schreckliche Dinge mit ihr. Als Miranda aber
erkennt, daß das Mädchen ihr in diesen Schockmomenten etwas mitzuteilen
versucht und daß auch andere Dinge, die sie als Psychologin für reine
Lügengeschichten ihrer Patienten gehalten hatte, tatsächlich passieren,
kommt sie einer schrecklichen Wahrheit immer näher. Doch was hilft ihr
diese Erkenntnis, wenn sie immer noch in ihrer Isolierzelle festsitzt?
Es gab ja in den letzten Jahren ein paar wirklich unheimliche Geistergeschichten.
Diese zeichneten sich durch eine klugen Dramaturgie und eine wirklich
ausgeklügelte Geschichte aus. "The Sixth Sense" und "The Others" sind
wahre Meisterstücke und bleiben auch weiterhin von neueren Filmen unerreicht.
"Gothika" setzt auf schöne unheimliche Bilder und dafür bedient sich die
Hollywoodmaschinerie diesmal eines erfolgreichen europäischen Regisseurs.
Dieser heißt Mathieu Kassovitz, der durch den Film "Die purpurnen Flüsse"
einem breiten Publikum bekannt wurde und in dem er schon zeigte, wie man
eine wirklich düstere Geschichte erzählen sollte. Ein weiterer Film, mit
dem Kassovitz Aufsehen erregte, dies aber mehr bei den reinen Cineasten,
war sein 1995 entstandener Film "Hass". Doch der französische Regisseur
und Schauspieler ("Amen - Der Stellvertreter" & "Die fabelhafte Welt der
Amélie") konnte auch nicht verhindern, daß der recht dünne Plot, den sich
Drehbuchautor Sebastian Gutierrez ausgedacht hat, all seinen Bemühungen,
einen wirklich spannenden Film zu erzählen, schnell zum Verhängnis wird.
Es wird noch nicht einmal der Versuch unternommen, falsche Spuren zu legen,
die die Hauptperson oder den Zuschauer in die Irre führen. So weiß man
eigentlich recht schnell, wieso Oscarpreisträgerin Halle Berry all die
unheimlichen Begegnungen hat und wohin diese sie führen und auch ihre
Schauspielerkollegen, zu denen immerhin der uns noch als König Theoden
gut in Erinnerung verbliebene Bernhard Hill sowie der immer gut aufgelegte
Robert Downey jr. und die hübsche Penélope Cruz (mit einigem Mut zur Häßlichkeit)
gehören, bekommen einfach viel zu wenig Raum, um sich irgendwie vernünftig
zu präsentieren. So funktioniert "Gothika" nur als reines Effektkino,
denn als Ganzes ist er leider nur oberflächliches Spannungskino. Dies
reicht leider aber anscheinend immer noch, um an den Kinokassen zu funktionieren
und um bei der Video- und DVD-Auswertung richtig Kohle machen zu können,
denn sonst würden profilierte Hollywoodköpfe wie Produzent Joel Silver
und Filmemacher Robert Zemeckis nicht ihr Geld und ihre Zeit in solch
einen Film investieren. Aber nach dem Genuß eines solchen Films weiß man
dann wieder ganz genau, warum "The Sixth Sense" und "The Others" so toll
sind.
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