Troja

Die "Ilias" und die "Odyssee" von Homer gelten als die ersten großen literarischen Werke Europas. Eigentlich bestehen dieses Bücher aus zwei Gesängen, die aus insgesamt 27803 Versen bestehen. Der eine erzählt vom Krieg um die Stadt Troja, der andere von der Irrfahrt des Königs Odysseus. Natürlich gibt es, wie so oft, wenn es um historische Texte geht, Skeptiker, die behaupten, dass es nicht Homer alleine war, der diese Werke verfasst hat. Es könnten auch zwei Dichter gewesen sein, die diese Texte verfassten. Trotzdem ist der Text und die darin erhaltenen Geschichten Inspiration und Lesestoff für viele Leser gewesen und ist es wohl auch immer noch. Es ist die Faszination, die von der Sagenwelt der alten Griechen ausgeht und es sind die spannenden Begebenheiten, die die Protagonisten erleben. Odysseus, der Listige, der den Zyklopen hineinlegt, um seinen Trupp von Seefahrern zu retten, ist ebenso unvergesslich wie das hölzerne Riesenpferd, mit dem es gelungen ist, in die uneinnehmbare Stadt Troja zu gelangen, die zehn Jahre lang von einem riesigen Heer belagert worden war. Die Geschichte ist also bekannt und warum sollte man sich dann noch einen Film anschauen, der sich ausschließlich mit dem Kampf um Troja beschäftigt und dabei all die Randbegebenheiten außer acht lässt, die im Vorfeld, während und nach der Belagerung stattgefunden haben? Außerdem versuchen die Filmemacher noch nicht einmal die Geschichte auch nur ansatzweise so zu erzählen, wie sie in den vielen Bücher geschrieben und nacherzählt steht. Nein, der Drehbuchautor David Benioff nimmt nur den Grundplot und ein paar herausragende und unvergessliche Szenen und bastelt daraus eine Geschichte, in der sich ein paar bekannte und weniger bekannte Schauspieler von ihrer besten Seite zeigen können. Es geht hier nicht um Details, aber eigentlich ist dies, wenn man sich auch nur ansatzweise mit den Texten der "Ilias" und der griechischen Sagendichtung auseinandergesetzt hat, auch nicht wirklich verwunderlich. Hätte Wolfgang Petersen eine genaue Verfilmung versucht, dann hätte er eine abstruse historische Komödie geschaffen. Denn so gerne man Sagen über Götter liest, die sich ständig in das Geschick der Könige und Helden einmischen, entdeckt man darin Szenen, wie sie nach heutiger Sicht nicht witziger oder abstruser sein können. Da benimmt sich ein Odysseus und ein Achilles nicht immer heldenhaft. Da versuchen sie mit allen möglichen Tricks dem Wehrdienst zu entkommen. Der eine versucht als verrückt geworden zu gelten und der andere versteckt sich in Frauenkleidung gehüllt. Hätte der Film damit begonnen, wäre er zwar lustig, keinesfalls wäre er aber mehr das große Schlachtenepos, als das die Geschichte um den Raub der Helena und der Kampf um Troja heute noch gilt. So gesehen haben Petersen und Benioff (der Autor des Films "25 Stunden") eigentlich alles richtig gemacht.

Gut, keiner seiner Darsteller sieht auch nur ansatzweise griechisch aus, dafür wurden aber die richtigen Darsteller gefunden, um die doch etwas hölzernen Dialoge wenigstens halbwegs ernsthaft und würdevoll vorzutragen (dies gilt für das englische Original). Natürlich sind Brad Pitt und Eric Bana auch noch aus einem anderen Grund ausgesucht worden: sie machen halt als Krieger eine tolle Figur und entzücken bei jedem ihrer Auftritte die weiblichen Zuschauer. Nur Orlando Bloom hat eigentlich hier nichts zu lachen, da der von ihm dargestellte Paris eigentlich ein echter Loser ist, der nur am Ende Glück hat, den als unbesiegbar geltenden Achilles an der richtigen Stelle mit einem Pfeil zu treffen. Ansonsten hat seine Rolle nichts von dem Heldenmut eines Legolas oder dem eines jungen Piratensohnes. Trotzdem reicht "Troja" aus, um bei Leuten wie mir die Zeit zurückzudrehen und um mich daran zu erinnern, wie ich in meiner Kindheit und Jugend all die alten Sagen verschlungen habe und wie ich nach deren Lektüre tausend Mal dem Hörspiel über die "Irrfahrt des Odysseus" gelauscht habe und mir schlechte Abenteuerfilme angeschaut habe, in dem ein Muskelprotz in der Rolle des Herkules hübsche Frauen gerettet hat. Da ist es auch nicht abwegig zu glauben, dass ich wegen genau dieser Vorliebe für Heldengeschichten und der Antike dann auch moderne Heldengeschichten bis heute liebe, in denen ab und an auch mal eine griechische und öfters mal ein nordische Sagenfigur auftaucht. Außerdem waren dies wohl auch einige meiner ersten Reisen in das Reich der Mythen und der Fantastik und auch diese Vorliebe ist mir bis heute nicht abhanden gekommen. Nun entdecke ich nach drei Stunden Schlachtengetümmel und Heldentaten auf der Leinwand in den alten und neuen Büchern, die ich schnell in der Stadtbibliothek und Zuhause aus den Regalen zusammengetragen habe, die alten Sagen wieder. Wenn dies noch bei ein paar Zuschauern, die "Troja" gesehen haben, der Fall sein sollte, dann hat Petersens Film nicht nur bei mir etwas bewirkt. Und dann seien ihm die Freiheiten, die er sich für seine Umsetzung erlaubt hat, auch wirklich vergeben. Denn drei Stunden Film, die dazu gut sind, sich viele Stunden mit alten Geschichten und der Geschichte selbst zu befassen, sind wirklich keine vergeudeten Stunden. Und unterhaltsam sind die alten Sagen über Helden und Götter wirklich. Da stecken in ein paar Sätzen schon so viele Geschichten, wie sie Hollywood nicht in einem Jahr ordentlich auf die Leinwand bekommt. Also schaut rein in die Welt der alten Götter und Legenden.